Menarinis 70. Kunstband: Michelangelo neu entdecken

Als Bildhauer, Maler, Architekt und Dichter zählt Michelangelo Buonarroti zu den meist erforschten, reproduzierten und gefeierten Künstlern der Geschichte. Und doch übt sein Werk bis heute eine ungebrochene Faszination aus. Genau dieser anhaltenden Faszination widmet sich der neue Menarini-Kunstband – der 70. Band der traditionsreichen Reihe, die 1956 ins Leben gerufen wurde und nun im renommierten Istituto degli Innocenti in Florenz vorgestellt wurde.

Die Monografie würdigt jedoch nicht nur den Künstler, sondern richtet den Blick auf den Menschen hinter dem Genie. In den von Cristina Acidini kuratierten Beiträgen entfaltet sich Michelangelos Leben als vielschichtige, von Widersprüchen und inneren Spannungen geprägte Geschichte – die Geschichte eines außergewöhnlichen Menschen, dessen Größe bis heute nachwirkt.

An der Präsentation nahmen einige der bedeutendsten Persönlichkeiten der italienischen Kulturlandschaft teil. Barbara Jatta, Direktorin der Vatikanischen Museen, eröffnete die Veranstaltung und hob die gelungene Verbindung von wissenschaftlicher Exzellenz und einer klaren, zugänglichen Vermittlung hervor. Gemeinsam mit ihr nahmen die Führungskräfte der Menarini-Gruppe teil: die Gesellschafter und Vorstandsmitglieder Lucia und Alberto Giovanni Aleotti, Chairman Eric Cornut sowie CEO Elcin Barker Ergun.

Als Pharmaunternehmen stellen wir den Menschen in den Mittelpunkt unseres Handelns. Deshalb verbindet uns mit der Kunst ein gemeinsamer Blick auf den Menschen – durch die Schönheit“, erklärte Lucia Aleotti und unterstrich damit das langjährige Engagement des Unternehmens für die Förderung des italienischen Kulturerbes.

Alberto Giovanni Aleotti (Gesellschafter und Vorstandsmitglied von Menarini) – Cristina Acidini (Autorin des Michelangelo-Kunstbands) – Lucia Aleotti (Gesellschafterin und Vorstandsmitglied von Menarini) – Barbara Jatta (Direktorin der Vatikanischen Museen)

Begleitet wird der Leser auf dieser Entdeckungsreise von Cristina Acidini, einer der renommiertesten italienischen Expertinnen für Renaissancekunst. Die ehemalige Leiterin des Florentiner Museumsverbunds und heutige Präsidentin der Accademia delle Arti del Disegno, der Casa Buonarroti und der Fondazione Roberto Longhi beschränkt sich nicht auf die kunsthistorische Analyse von Michelangelos Werken, sondern zeichnet ein eindrucksvolles Porträt des Menschen hinter dem Künstler.

 

Ein außergewöhnliches Leben

Michelangelo starb 1564 im Alter von beinahe neunzig Jahren. Damals hieß es, die Welt habe nicht einen, sondern gleich vier Menschen verloren. Ob Malerei, Bildhauerei, Architektur oder Dichtung – in jeder dieser Disziplinen hinterließ er Spuren, die die Kunstgeschichte nachhaltig prägten und sie ohne sein Wirken kaum vorstellbar machen.

Acidinis Monografie zeigt zugleich eine überraschend menschliche Seite des Künstlers: großzügig gegenüber weniger Begabten, obwohl er als geizig galt; selbstbewusst im Umgang mit Päpsten und Mäzenen, ohne jemals seine künstlerische Unabhängigkeit aufzugeben; und bis ins hohe Alter unermüdlich bei der Arbeit, den Meißel in Händen, die von Arthrose gezeichnet waren. Gerade diese Spannung zwischen dem unerreichbaren Genie und dem verletzlichen Menschen macht den besonderen Reiz des Bandes aus.

Michelangelos künstlerischer Weg begann in Florenz, im kulturell inspirierenden Umfeld des Medici-Hofs. Bereits mit fünfzehn Jahren zeugt die Madonna della Scala von einer außergewöhnlichen Meisterschaft im Umgang mit Marmor. Mit siebzehn zeigt die Kentaurenschlacht bereits eine Beherrschung von Bewegung und Komposition, um die ihn selbst deutlich erfahrenere Künstler beneidet hätten. Beide Werke befinden sich heute in der Casa Buonarroti, einem Museum, dessen Wiederentdeckung der Band ausdrücklich empfiehlt.

Den entscheidenden Durchbruch feierte Michelangelo jedoch in Rom. Die Pietà im Petersdom – Maria, die den Leichnam Christi mit beinahe überirdischer Anmut in den Armen hält, geschaffen noch vor seinem dreißigsten Lebensjahr – markierte den Beginn einer einzigartigen Karriere. Es folgten der David, bis heute Sinnbild menschlicher Vollkommenheit, und das Deckengemälde der Sixtinischen Kapelle – ein Auftrag, den wohl viele Künstler abgelehnt hätten und den Michelangelo zu einer der größten schöpferischen Leistungen der Kunstgeschichte machte. Jahrzehnte später entstand mit dem Jüngsten Gericht an der Altarwand ein Werk, das bereits ganz im Zeichen der Gegenreformation steht: Christus erscheint nicht länger als der idealisierte Jüngling der Pietà, sondern als unerbittlicher Richter, umgeben von einem Wirbel ineinander verschlungener Körper.

 

Malerei als Skulptur, Skulptur als Befreiung

Zu den eindrucksvollsten Kapiteln des Bandes gehören jene über die Sklaven (Prigioni), die unvollendeten Skulpturen, die ursprünglich für das monumentale Grabmal von Papst Julius II. bestimmt waren. Zwischen rohem Stein und vollendeter Form verharrend, verkörpern sie auf eindrucksvolle Weise Michelangelos Verständnis der Bildhauerei als Kunst des Freilegens: Alles Überflüssige wird entfernt, um die bereits im Marmor verborgene Form sichtbar werden zu lassen. Dieselbe künstlerische Auffassung prägt auch den Doni Tondo, das einzige Tafelbild, das Michelangelo zweifelsfrei zugeschrieben wird. Intensiv leuchtende, beinahe überwirklich anmutende Farben, kraftvolle Hell-Dunkel-Kontraste und dynamisch verschränkte Körper verleihen den gemalten Figuren eine geradezu plastische Wirkung.

Den Abschluss bildet Michelangelos Spätwerk: seine architektonischen Arbeiten am Petersdom, die Bandini-Pietà und schließlich die Rondanini-Pietà im Mailänder Castello Sforzesco. Cristina Acidini bezeichnet dieses Werk als „ein in Stein gemeißeltes Gebet“, in dem die Schönheit des menschlichen Körpers beinahe vollständig zurücktritt und die beiden Figuren ineinander überzugehen scheinen. Bis zu seinen letzten Lebenstagen arbeitete Michelangelo an dieser Skulptur.

Mit den eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Fotografien von Aurelio Amendola sowie hochwertigen Reproduktionen von Michelangelos Fresken ist dieser Menarini-Kunstband weit mehr als ein Ausstellungskatalog. Er lädt dazu ein, innezuhalten, genauer hinzusehen und der Schönheit Raum zu geben, ihre Wirkung zu entfalten. Denn Kunst bleibt, ebenso wie Wissen und Fürsorge, ein nie abgeschlossener Weg.